1. Zwischenbilanz (kooperatives Lernen)

 

Vor vier Wochen, zum Beginn des neuen Schuljahres, habe ich in drei Geschichtsklassen begonnen nach den Grundsätzen des kooperativen Lernens zu unterrichten. Es ist an der Zeit einen ersten Zwischenbericht zu verfassen. Im Folgenden werde ich kurz auf jede der drei Klassen eingehen.

Meine jüngsten Schüler unterrichte ich in der 8. Klasse. Vom Entwicklungsstand der Schüler her betrachtet, herrscht in dieser Lerngruppe gerade das pubertätsbedingte hormonelle Chaos. Es wird gekichert und geulkt und die meisten Dinge scheinen interessanter als Schule zu sein. Die Gruppeneinteilung in der ersten Stunde hat gut funktioniert. Die Gruppen haben sich Namen gegeben, wie „Die Zeitreisenden“, „Caesargirls“ oder „Die Gummibärenbande“. Aus einem Feedbackbogen, den ich letzte Stunde verteilt habe, wurden zwei Probleme deutlich:

1. Die Spione zweier Gruppen (beides Jungs) nutzen ihre Rolle vor allem, um durch den Klassenraum zu spazieren und Informationen von den anderen abzugraben, ohne selbst zu viel Denkeinsatz zu zeigen. Dies wurde von anderen Gruppen als „Abschreiben“ eingestuft. Der Eindruck deckt sich mit meinem eigenen und erfordert in der kommenden Stunde eine erneute Klärung der Gruppenrollen.  Spione sollen sich bei anderen Gruppen informieren, aber auch selbst mitarbeiten.

2. Manche Schüler nehmen sich, wie einige Schüler bemängelten, in den Gruppen stark zurück. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich damit umgehen werde, aber ich werde das Problem in der nächsten Stunde zur Sprache bringen und nach Lösungsvorschlägen fragen. Ein Verweis auf die selbstaufgestellten Regeln erscheint mir sinnvoll. Dort haben die Gruppen Kooperation und gegenseitige Unterstützung als ihre eigenen Leitlinien formuliert.

In der 9. Klasse ist der Gruppenbildungsprozess ebenfalls gut angelaufen. Eine Jungengruppe macht mir etwas Sorgen, aber in der letzten Stunde haben sie ganz ordentlich gearbeitet. Es findet in jedem Fall eine intensivere Auseinandersetzung mit den Inhalten statt, als ich dies in reinem Frontalunterricht beobachten kann, da die Schüler die Inhalte in den Gruppen diskutieren müssen. Dieser Eindruck wird durch eine schriftliche Schülerbefragung am Ende der letzten Stunde gestützt. Dort gaben die Schüler an, von der gegenseitigen Unterstützung zu profitieren. Kritisch angemerkt wurde, dass in den Gruppen auch hin und wieder über andere Themen gesprochen werde, insgesamt sehen die Schüler das Vorgehen aber als Unterstützung für ihren Lernfortschritt.

Im Grundkurs in der 11. Klasse ist das Gruppensystem ebenfalls erfolgreich angelaufen. Eine Schülerbefragung steht in dieser Lerngruppe noch aus. Mein Eindruck ähnelt dem in den anderen Lerngruppen. Zwar ermöglichen die Gruppen auch Gespräche abseits des Unterrichtsthemas, insgesamt kommt es aber zu einer stärkeren Umwälzung und Durchdringung des Stoffes.

Für die kommenden Wochen ist es mein Ziel, eine größere Methodenvielfalt innerhalb der Stunden zu entwickeln. Kooperatives Lernen bedeutet nicht, dass es keine Frontalphasen gibt. Ich werde versuchen ein tragfähiges Mischungsverhältnis zu finden.

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Was ist eigentlich kooperatives Lernen?

Kooperation und Teamwork sind wahrlich keine neuen Begriffe. In vielen Berufen gehört Teamarbeit längst zum Arbeitsalltag und generell kooperieren wir im täglichen Leben mit vielen Menschen, nicht nur im Büro. Was soll also dann an diesem „kooperativen Lernen“ so besonders sein? In deutschen Schulen bietet sich ein sehr gemischtes Bild. Einerseits finden sich noch immer viele Klassenzimmer mit klassischer Reihensitzordnung, bei der alle Augen auf den Lehrenden gerichtet sind. Der Frontalunterricht wir immer noch von vielen KollegInnen als beste Art gesehen, den Kindern und Jugendlichen Lernen zu ermöglichen. Auf der anderen Seite gibt es heute auch eine Vielzahl von KollegInnen, die auf Gruppenarbeiten schwören, bei denen die Lernenden Aufgaben in Teams lösen sollen und das nicht immer zur Freude der Betroffenen. Die Gruppenarbeit mäandert irgendwo zwischen Heilsversprechen und offener Drohung.

Auch das kooperative Lernen setzt auf Gruppenarbeit, allerding in einer weitreichenderen Form als dies für gewöhnlich gehandhabt wird. Die geistigen Eltern dieses Ansatzes sind Norm Green, „ehemaliger Leiter der Personalentwicklung im (mit dem Bertelsmann Preis für das innovativste Schulsystem der Welt ausgezeichneten) Schulbezirk Durham, Ontario, Kanada und ehemaliger Direktor für Unterrichtsentwicklung am Georgian College, Ontario, Kanada“ und seine Frau Kathy Green, „Lehrerin an der Sinclair Secondary School, Schulbezirk Durham, Ontario, Kanada.“ Die beiden versprechen interessierten Lehrenden durch ihren Ansatz das Erreichen großer Ziele:

„die Lernmotivation und Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler nachhaltig steigern,

sehr unterschiedliche Kinder und Jugendliche (in Bezug auf ihre Lernniveaus und Kompetenzen, ihre soziale Herkunft und kulturelle Einbindung) in strukturierten Gruppenprozessen zu erfolgreichem gemeinsamen Arbeiten bringen,

Unterricht, kollegiale Teambesprechungen und Konferenzen interessant und zielorientiert gestalten,

bei all diesen Vorhaben zu einem entspannten Arbeitsklima und zu mehr Berufszufriedenheit gelangen.“

Kooperatives Lernen basiert auf der Annahme, dass reine Rezeption nur bedingt zu Lernerfolg führt. Nachhaltiger Lernerfolg sei am ehesten gewährleistet, wenn „das Gelernte unmittelbar angewandt und genutzt werde“. Kooperatives Lernen fördere das Lernen, „weil die kooperativen Erfahrungen Schüler interaktiv an Informationsverabeitung herangehen lassen, was zu einer höheren Behaltensquote des Stoffes führt, einer verbesserten Haltung dem Lernen gegenüber und verstärkten Beziehungen unter den Gruppenmitgliedern.“

Die Gruppen stehen im Mittelpunkt dieses Ansatzes. Die Art und Weise, wie diese Gruppen zusammengesetzt sind, ob Zufalls-, oder Neigungsgruppen, kann variieren. Der entscheidende Unterschied zur herkömmlichen Gruppenarbeit ist, dass die Gruppen nicht nur für eine oder zwei Stunde gebildet werden, sondern längerfristige Projekte sind. Innerhalb der Gruppen übernimmt jeder Lernende eine feste Aufgabe, die ihm oder ihr Verantwortung überträgt. Folgende Rollen können übernommen werden:

  • Der Gruppensprecher repräsentiert die Gruppe nach außen und entscheidet, wer Ergebnisse präsentiert.
  • Der Schriftführer ist für die vorbildliche Verschriftlichung der Gruppenergebnisse zuständig. (Alle Lernenden notieren Ergebnisse, aber der Schriftführer erstellt das Musterexemplar)
  • Der Spion darf herumgehen und nachsehen, wie andere Gruppen an die Aufgaben herangehen oder den Lehrenden fragen.
  • Der Zeitwächter ist für die Einhaltung der Abgabezeit verantwortlich.
  • Der Aufgabenwächter stellt sicher, dass die Aufgabe richtig bearbeitet wird. (Wie lautet der Operator? Sollen wir beschreiben, vergleichen, Stellung beziehen, …?)

Sehr wichtig ist, dass die Lernenden sich mit ihrem Team identifizieren und sich verantwortlich fühlen. Deshalb überlegt sich jede Gruppe einen Gruppennamen. Außerdem legt jede Gruppe ihre eigenen Regeln fest, die unter ihrem Gruppennamen verschriftlicht und im Klassenzimmer aufgehängt werden. Es ist wichtig, dass diese Regeln nicht vom Lehrenden, sondern von den Gruppen selbst kommen. Dies erhöht die Verbindlichkeit der Regeln. Nach Green dauert es einige Zeit, bis die Gruppen zu richtigen Teams zusammengewachsen sind. Im Idealfall werden aus den Teams „Höchstleistungslerngruppen“, die die Leistungsfähigkeit „traditioneller“ Gruppen deutlich übersteigen. Mein Kollege, der nach diesem Modell unterrichtet, hat mir berichtet, dass seine Teams schon so stark verbunden waren, dass sich die Schüler sogar außerhalb der Schule und sogar noch nach dem Abitur in diesen Konstellationen getroffen haben.

Es ist natürlich auch möglich, dass es zu Problemen zwischen Jugendlichen kommt. In diesem Fall kann der Lehrende eine Verwarnung aussprechen oder die Gruppe zwangsauflösen. In diesem Fall müssen die Lernenden die folgenden Stunden die Aufgaben in Einzelarbeit lösen.

Sollte sich ein Lernender völlig gegen die Gruppenarbeit sträuben, kann diesem auch erlaubt werden, generell allein zu arbeiten. Versuche zeigen jedoch, dass sich Teamarbeit im Gegensatz zu Einzelarbeit hinsichtlich der Ergebnisse positiv auswirkt.

Um den Schülern dies zu verdeutlich bietet sich folgende Experiment an. Alle Lernenden erhalten ein Arbeitsblatt, auf dem sie 12 Dinge nach ihrer Temperatur ordnen sollen, von der Temperatur einer Atomexplosion bis hin zur Körpertemperatur von Vögeln. Nachdem sie dies alleine getan haben, ordnen sie die gleichen Dinge in ihren Gruppen, wobei sich jede Gruppe auf eine Reihenfolge einigen muss. Anschließend werden die Individual- und die Gruppenergebnisse verglichen. Ich habe dieses Experiment selbst durchgeführt und in mehr als 90% der Fälle waren die Gruppenergebnisse richtiger als die Individualergebnisse. Für die meisten Schüler stellten die Gruppenergebnisse also eine Verbesserung dar.

Wenn man sich mit den Ideen von Norm und Kathy Green beschäftigt, dann spürt man eine ordentliche Portion nordamerikanischen Optimismus und den Glauben daran, dass besserer Unterricht für Lernende und Lehrende möglich ist. Für manch einen mögen einige Formulierungen etwas pathetisch klingen, aber als jemand, der eigene Erfahrungen mit dem nordamerikanischen Herangehen an Bildung gemacht hat, kann ich sagen, dass es Lernende tatsächlich beflügeln kann, wenn man an sie glaubt.

Die bisherigen Einblicke in das Konzept haben mich optimistisch gestimmt. Ich werde sehen, wie es sich in der Praxis bewährt.

Fortsetzung folgt.

 

Norm Green, Kathy Green: Kooperatives Lernen im Klassenraum und im Kollegium, Das Trainingsbuch, Seelze-Velber, 2005.

Zeit für neue Herausforderungen – Ein Selbstversuch

Wenn man neu ist in seinem Beruf, kann alles sehr aufregend und auch ein bisschen einschüchternd sein. Die Kollegen sind neu, die Umgebung ist neu und was man zu tun hat, weiß man vor allem aus der Theorie oder von einigen unbezahlten Praktika. Genauso ging es mir, als ich erstmals vor einer eigenen Klasse stand. Das Herz schlug mir bis in die Kehle. Nach einiger Zeit und das können Wochen, bzw. Monate sein, entwickelt man eine gewisse Routine. Die Arbeitssituation mit ihren Herausforderungen wird einem vertrauter, die eigenen Fähigkeiten bewusster und Überraschungen bringen einen nicht mehr so schnell aus dem Konzept. Das Schöne an diesem Prozess ist, dass man wieder größere Kontrolle über seine Aufmerksamkeit erhält. Die Grundprozesse laufen routiniert und neue Herausforderungen können angegangen werden. In meinem Fall stellt sich das so dar, dass ich beginne, meine Schüler und mich selbst anders wahrzunehmen. Ich werde selbstsicherer und entwickele ein größeres Gespür dafür, was ich von den verschiedenen Schülern erwarten kann. Die professionelle Distanz wächst und das Ergebnis ist eine größere Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Es wird Zeit für neue Herausforderungen und ich kann meine gewonnen Kapazitäten dafür verwenden, meinen Unterricht zu optimieren.

Ein sehr engagierter Kollege hat mich mit einem Konzept konfrontiert, das mein Interesse geweckt hat: Kooperativer Unterricht. Nachdem ich mich nun ein wenig damit auseinandergesetzt habe, hat meine Begeisterung soweit zugenommen, dass ich mich entschieden habe, dieses Konzept in diesem Schuljahr in drei Klassen umzusetzen. Ich sehe dies als eine Art von Versuch, der kein geringeres Ziel verfolgt, als den Schülern und mir selbst ein nachhaltigeres, befriedigenderes und tiefergehendes Lernerlebnis zu ermöglichen. Ob das Konzept seine Versprechen einhalten kann, soll sich in der Praxis zeigen. Ich werde an dieser Stelle über meine Erfahrungen berichten.

Von der Werra an die Weichsel (3)

Der dritte Tag unserer Reise stand ganz im Zeichen der Shoah: Wir besuchten das Konzentrationslager Auschwitz. Von Krakau fährt man etwas mehr als eine Stunde, bis man die Stadt Oświęcim erreicht, welche die Deutschen „Auschwitz“ nannten. Es ist nicht leicht mit Gruppen eine Führung im Lagerkomplex zu bekommen, da der Andrang von Menschen aus der ganzen Welt sehr hoch ist. Unser Einlass war erst kurz nach Mittag, weshalb wir noch etwas Zeit am Morgen hatten. Wir nutzten diese für den Besuch einer besonderen Ausstellung unweit des Lagers. In einem Franzikanerkloster findet sich die Ausstellung des Werks von Marian Kołodziej (1921-2009), einem Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau (Häftlingsnummer 432).

IMG_20170530_114536973Foto: Thomas Faber

Nach dem Krieg arbeitete Marian Kołodziej als Bühnenbildner in Danzig und schwieg für Jahrzehnte über seine Erlebnisse. Erst im hohen Alter, nach einem Schlaganfall, brachen sich die Erinnerungen Bahn und er schuf ein gewaltiges Bilderwerk, in dem er seine Erlebnisse verarbeitete. Er musste zeichnen, um sein junges Ich aus seinem inneren Gefängnis zu befreien.

IMG_20170530_112546523 - KopieDer junge und der Alte Kołodziej zeichnen gemeinsam.  Foto: Thomas Faber

Kołodziej, der in Auschwitz seinen besten Freund verlor, wurde von seiner Begegnung mit Maximilian Kolbe geprägt, der für einen anderen Häftling sein Leben gab. Die Menschenwürde, die Kolbe in dieser Handlung bewies, ist eines der Themen, die der Künstler in seinem Werk verarbeitete.

Für die Schüler war diese Ausstellung und die Führung durch einen deutschsprachigen Mönch sehr bewegend. Das Schicksal von Marian Kołodziej wird in dieser Ausstellung greifbar. Seine Zeichnungen lassen den Zuschauer schaudern und zugleich die Stärke des Künstlers bewundern. Rückblickend war es gut, dass wir die Ausstellung vor dem eigentlichgen Lager besucht haben. Während das Lager durch die Touristen und das schöne Wetter stellenweise fast etwas steril und nüchtern wirkte, konnte man aus den Zeichnungen das Grauen lesen, das die Shoah ausmachte.

Nach einer kurzen Mittagspause im Franziskanerkloster fuhren wir nur wenige Kilometer in das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Das KZ unterteilt sich in das Stammlager, das aus steinernen Gebäuden besteht, dem Lager Birkenau mit seiner berüchtgten Rampe und dem Lager Monowitz, welches wir nicht besuchten (sowie 40 Nebenlagern). Auschwitz ist ein emotional ziemlich vielschichtiger Ort. Auf der einen Seite sieht man im Stammlager Teile der Hinterlassenschaften der unzähligen Opfer: Frauenhaare, Schuhe (auch viele von Kindern), Koffer, Bürsten, Töpfe. Beim Anblick dieser Dinge kommen die Schicksale der Toten ganz nah. Auf der anderen Seite sind die Räume für die Workshops in ehemaligen Lagergebäuden untergebracht, frisch renoviert mit Beamer und Schreibtischen. Die selben Gebäude, in denen vor über 70 Jahren tausende Menschen lebten, litten und starben. Dort zu arbeiten ist seltsam.

IMG_20170530_143304348 - KopieFoto: Thomas Faber

In der Frühzeit des Lagers wurde noch von jedem Häftling ein Foto gemacht. Später wurde dies wegen der großen Masse der Opfer nicht mehr getan. In einer Baracke geht man durch einen langen Gang mit einigen dieser Bilder, jedes mit Einlieferungs- und Sterbedatum. Die Portraits sind sehr intensiv. Manche Menschen schauen verängstigt, andere blicken ihren Peinigern mutig oder trotzig in die Augen.

Das Lager Birkenau ist von seinen Ausmaßen deutlich größer als das Stammlager. Hier wurden zu manchen Zeiten mehr als 1000 Menschen am Tag durch Gas ermordet. Der Tag, an dem wir dort waren, war warm und sonnig. Die Vögel zwitscherten und der Wind ließ die Blätter der Bäume rascheln. Es war ein absurder Kontrast zu dem, was an diesem Ort einst geschah.

IMG_20170530_161151286Gesprengtes Krematorium/ Gaskammer in Birkenau  Foto: Thomas Faber

Für die Schüler und auch uns Lehrkräfte war der Tag sehr intensiv und die Eindrücke werden uns sicher noch lange beschäftigen. Ein Besuch der Gedenkstätte lohnt sich in jedem Fall. Weitere Informationen finden sich hier.

 

Von der Werra an die Weichsel (2)

Mit etwas Verzögerung nehme ich den Bericht meiner ersten Kursfahrt nach Krakau wieder auf. Die Zeit ist knapp bemessen, denn das gemeinsame Frühstück naht. Eigentlich hätte ich diese Zeit noch gut zum Schlafen gebrauchen können, aber ein paar Notizen wollen gemacht werden. Lektion 1: Klassenfahrten und Schlafmangel gehören zusammen.

Den ersten vollen Tag in Krakau haben wir genutzt, um uns mit der Stadt vertraut zu machen. Wir wohnen etwas außerhalb des Stadtzentrums, das jedoch in 20 Minuten erreichbar ist. Je weiter man sich dem Zentrum und der Altstadt nähert, umso gepflegter werden die Häuser. In der Umgebung unseres Hostels stehen noch viele Häuser mit grauen Fassaden, wie man sie aus der DDR kennt. Das verleiht Krakau eine leicht verfallene Atmosphäre, was ich aber durchaus interessant finde.  Nachdem sich meine 30 Mitreisenden durch die 3 Toiletten und 3 Duschen gearbeitet hatten,  zogen wir los, um einen lokalen Becker mit unserer Verköstigung zu beauftragen. Wir kamen unangemeldet und haben den kleinen Laden ziemlich durcheinander gebracht.

IMG_20170529_115709090Foto: Thomas Faber

Nach einer freundlichen Begrüßung in der polnischen Partnerschule, bei der uns der Direktor persönlich in Empfang nahm, führte uns eine deutschsprachige Reiseleiterin durch die malerische Altstadt. Keine Stadt war länger polnische Hauptstadt als Krakau und dies hat seine Spuren hinterlassen, genau wie die über einhundertjährige Fremdherrschaft durch die Habsburger, die deutsche Besatzung und die Zeit des Sozialismus. Lektion 2: Krakau ist ein Paradies für Geschichtsinterssierte. Für unsere Schüler mit Leistungskurs Geschichte gab es also an jeder Ecke etwas zu entdecken.

Natürlich sind wir nicht zum Urlaub in Krakau. Schwerpunkt der Reise ist die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und der jüdischen Geschichte. Als Vorbereitung für die anstehenden Besuche in Auschwitz-Birkenau und dem alten jüdischen Viertel Krakaus haben die deutschen und polnischen Schüler Arbeitsgruppen gebildet, in denen sie verschiedenen Themenfelder bearbeiten werden.

IMG_20170529_085336534.jpgFoto: Thomas Faber

Es war toll zu sehen, wie schnell die Schüler zueinander gefunden haben. Die Scheu des ersten Aufeinandertreffens ist in kürzester Zeit verflogen und inzwischen sind die Schüler zu einer großen Gruppe verschmolzen. Ich bin sehr gespannt, zu welchen Ergebnissen die Schüler am Ende des Projektes kommen werden. Lektion 3: Persönliche Begegnungen überwinden Vorurteile schneller als alles Andere.

Von der Werra an die Weichsel (1)

Einige Wochen sind vergangen seit meinem letzten Beitrag von drüben, wo die Blumen blühn. Der Frühling ist eingekehrt und hat die karge Landschaft in ein grünes Kleid gehüllt. Es ist warm geworden und in der Schule steht die heiße Phase der Projekte vor der Tür. Während sich so manche Klasse auf Wandertag begibt, bin ich mit 10 Schülern aus Thüringen und 16 aus Hessen nach Krakau aufgebrochen. Dort, in der alten Königsstadt an der Weichsel, werden wir gemeinsam mit 10 polnischen Schülern eine Woche verbringen. Wir werden die Geheimnisse der Stadt erkunden, die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen und uns mit dem jüdischen Leben und der jüdischen Geschichte dieser alten Siedlung vertraut machen.

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Foto: Thomas Faber

Am ersten Tag galt es zunächst etwas mehr als 700 Kilometer Asphalt zu überwinden. Hinter Sachsen präsentiert sich Polen als flaches, offenes Land mit Wäldern, Wiesen und blühenden Rapsfeldern. Die Fahrt verlief ohne große Probleme, wenn man davon absieht, dass sich eine Schülerin noch vor der sächsischen Grenze ihr Frühstück durch den Kopf gehen ließ, zum Leidwesen der restlichen Mitreisenden. Am Hostel wurden wir schon von den polnischen Schülern und Lehrern begrüßt. Der Empfang war sehr herzlich und die Schüler haben schnell Kontakt untereinander aufgenommen. Nach dem Abendessen haben die polnischen Schüler unsere Schützlinge zu einer Stadterkundung entführt. Ein bisschen wäre ich selbst gern nocheinmal Schüler gewesen und hätte mich in dieses Abenteuer gestürzt, aber wir Kollegen haben die Zeit nicht ungenutzt gelassen und uns bei einem frisch gezapften polnischen Bier etwas besser kennengelernt. Jetzt sind alle müde, aber die Spannung wächst. Morgen werden wir die Stadt genauer unter die Lupe nehmen.

Long live Rock’n’Roll

Mit Chuck Berry ist einer der Großen des Rock’n’Roll abgetreten.  Bis fast zuletzt stand er auf der Bühne, musste teilweise vor Erschöpfung von selbiger getragen werden. Jetzt ist er im Alter von 90 Jahren gestorben. Seine Lieder und Texte sind heute Klassiker des Genres.

Wer nochmal reinhören möchte: Hier ein Konzert von 1972.